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Lebensraum und Entwicklung

Der Tilapia gehört zur Klasse der Strahlenflosser, zur Ordnung der Barschartigen und zur Familie der Buntbarsche und ist somit ein Verwandter vieler Zierfische. Sein Ursprung liegt in Seen und Flüssen im Kontinent und an den Küsten des mittleren Afrikas und des Nahen Ostens. Obwohl der Tilapia der Art Oreochromis niloticus als potamodrom gilt, also als nur im Süsswasser wandernder Fisch, lebt er auch im Brackwasser und kann sich sogar an Salzwasser anpassen.
Die Angehörigen dieser Art halten sich an der Oberfläche und in Tiefen bis zu 6 oder gar 20 Metern auf und bevorzugen Wassertemperaturen zwischen 16 and 29 °C. In ihrer aktiven Tageszeit leben sie im Schwarm, während sie sich vorzugsweise nachts zur Ruhe zurückziehen. 

Tilapia bevorzugen komplexe Lebensräume mit morastigem, sandigem oder kiesigem Grund. Hier finden sie Schutz vor Räubern, ihre älteren Artgenossen inbegriffen. Daneben sind Tilapia auch im offenen Gewässer anzutreffen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Phytoplankton (Algen usw.) und von wirbellosen Tieren. Erwachsene Tilapia messen zwischen 20 und 60 cm und wiegen zwischen 130 g und über 4 kg.

 

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Tilapia (Oreochromis niloticus), Weibchen (links) und Männchen, Ostjava, Indonesien 
(Foto: W.A. Djatmiko / Wikimedia Commons)
 

Vermehrung und Lebensweise

Tilapia können bis zu 9 Jahren alt werden, doch schon im Alter von nur 3 bis 7 Monaten erreichen sie die Geschlechtsreife. Die Balz dauert mehrere Stunden, während derer das Männchen das Weibchen sanft beisst und stösst und vor ihm herschwimmt, um es zum Laichnest zu führen, das es in seichtem Wasser in den festen Sand gegraben hat. Nach der Befruchtung trägt das Weibchen bis zu 240 Eier in seinem Maul, 7 bis 18 Tage lang, bis die Larven ausschlüpfen.

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Die Entwicklung der Zucht

Die Art ist sehr fruchtbar und laicht mehrmals jährlich. Weil es schon im alten Ägypten so einfach war, Tilapia zu vermehren und zu farmen, sind sie mittlerweile in vielen Ländern eingeführt worden, darunter im südlichen Afrika, in Südostasien, den USA oder in Mexiko.

Da die Männchen rascher und  grösser wachsen, wurde die rein männliche Mast seit den 1970er Jahren zum Industriestandard. Spezialisierte Brütereien liefern rein männliche Jungtiergruppen, die sie durch das Verfüttern von Geschlechtshormonen an die Brut gewinnen oder durch Hybridisierung, also durch das Kreuzen verschiedener Tilapia-Arten oder -Stämme. Offenbar wurden die Auswirkungen der Ein-Geschlecht-Schwärme auf die Tiere bisher noch nicht untersucht.

Ein Vorteil der Tilapia-Zucht bestünde darin, dass die omnivore (allesfressende) Art von ihrer Biologie her keine Fischkomponenten im Futter verlangt. Wenn man jedoch einen Blick auf die Kriterien der führenden Labels für nachhaltige Aquakultur wirft, stellt man rasch fest, dass Fischmehl und Fischöl auch in der Tilapiazuchtindustrie als Wachstumsförderer eingesetzt werden. Das sind nicht nur teure, sondern auch ökologisch fragwürdige Futterkomponenten, die vorwiegend aus spezieller Futterfischerei stammen und  einen Viertel bis einen Drittel aller Fangerträge beanspruchen. Das widerspricht der Nachhaltigkeit und beeinträchtigt die marine Nahrungskette und folglich das Wohl der Meerestiere. Ganz zu schweigen vom Wohl der rund 450-1000 Milliarden Fische, die jährlich für Futterzwecke gefangen werden. Das Verfüttern von Fischmehl und Fischöl an Tilapia gibt zudem ein schlechtes Beispiel für die verbreiteten extensiven Kleinzuchten zur lokalen Versorgung in Afrika und Asien. 

 

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Zunehmende Intensität in Tilapia-Zuchten, von links nach rechts:
Kleine Teiche in Kenya (Foto: Campbell Howe, Martinepohotobank)
Halbintensive Netzkäfige in East-Java (Foto: W.A. Djatmiko, Wikimedia Commons)
Intensive Mast in einem Aquaponic-System (Foto: Ryan Somma, Wikimedia Commons) 

 

Hauptprobleme der Zucht

Heute ist der Tilapia mit seinen verschiedenen Zuchtstämmen die zweitmeist gefarmte Fischart der Welt. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sich der Schlachtkörper einfach filettieren lässt und das Fleisch in Geschmack und Struktur bei vielen Konsument/innen beliebt ist. 

Umso erstaunlicher, dass eine seit so langem, in so vielen Gegenden der Welt und in so grossen Mengen gezüchtete Art anscheinen nicht die entsprechende Priorität in der ethologischen Forschung findet. 

Darum können Fischwohl-Empfehlungen an Fischzüchter erst in beschränktem Umfang gegeben werden; einige aber stehen fest und stellen die gängige Praxis in Frage. So brauchen Tilapia individuellen Zugang sowohl zu Tageslicht wie zu Dunkelheit und zu Rückzugsmöglichkeiten, werden heute aber oft in zugedeckten Becken ohne jede Struktur gehalten.

Labels sind keine Hilfe beim Einkauf, wenn es um das Wohl der Zuchtfische geht. Die Richtlinien der Bio-Labels sind noch am ehesten auf die Gewährung des Fischwohls orientiert; im Konkreten aber fehlen Bestimmungen. Alle andern Labels kümmern sich bestenfalls um die Gesundheit der Fische, nicht aber um deren Wohlsein in einem umfassenden Sinn. Das heisst, dass auch Fische unter Labels wie Bio, ASC, Friend of the Sea eher unter Bedingungen der Massentierhaltung gelebt haben. 

Damit sich das ändert, braucht es mehr ethologische Forschung – und kritisches Nachfragen von jenen, die respektvoll gezüchtete Fische essen wollen.

 

Billo Heinzpeter Studer, 16.02.2017© fair-fish international 
Aktualisierte Fassung vom 11.06.2015
Gegengelesen von Jenny Volstorf.
Es gilt die englische Fassung.

Quellen: FishEthoBase, Findings und Empfehlungen,
FishBase, www.fishbase.org/summary/Oreochromis-niloticus.html
und FAO, www.fao.org/fishery/culturedspecies/Oreochromis_niloticus/en

Zitieren als: «Studer, Billo Heinzpeter, 2017. Nil-Tilapia (Übersicht). In: FishEthoBase Research Group (Hsg.), FishEthoBase. World Wide Web electronic publication. www.fishethobase.fair-fish.ch»