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Georges Cuvier, Histoire naturelle
des poissons, 1828 (Wikimedia Commons)

Herkunft und Lebensweise

Die Goldbrasse gehört zur Klasse der Strahlenflosser, zur Ordnung der Barschartigen und zur Familie der Meerbrassen. Ihr Ursprung liegt im Mittelmeer und im Ostatlantik von den Britischen über die Kapverdischen bis zu den Kanarischen Inseln und zur Küstes des Senegals. Ausser im Meer ist die Goldbrasse auch im Brackwasser von Flussmündungen anzutreffen.

Ausgewachsene Tiere erreichen eine Körperlänge von 26 bis 70 cm und ein Gewicht zwischen 300 g und 4 kg. Grösse und Gewicht sind erblich. Goldbrassen werden höchstens 12 Jahre alt; geschlechtsreif werden sie im ersten oder zweiten Lebensjahr. Die Rolle der Körperfärbung für die Paarung ist unklar; jedenfalls nimmt die Intensität der Farben ab Juli bis im Oktober zu, verblasst dann bei den Männchen wieder, bleibt aber bei den Weibchen bis zum Laichen erhalten.

Die Laichzeit dauert von Oktober bis März mit einer Spitze im Dezember und Ausläufern bis gegen Sommer, je nach Umweltbedingungen. Die Weibchen laichen in grossen Gruppen. Während mehrerer Tage oder gar Monate laichen sie jeden Tag Zehntausende von Eiern, deren Gesamtgewicht ihrem halben bis doppelten Körpergewicht entspricht. In Gefangenschaft kann das Laichen durch Erhöhung der Wassertemperatur auch zu andern Jahreszeiten ausgelöst werden.

Goldbrassen sind Zwitter, die sich zuerst als Männchen entwickeln und dann entweder als Männchen weiterleben oder sich zu Weibchen verwandeln. Die Geschlechtsveränderung kann auch dadurch ausgelöst werden, dass Jungtiere zu einer Gruppe zugefügt werden, was ältere Männchen dazu bringt, Weibchen zu werden.

Goldbrassen halten sich an der Oberfläche und in Tiefen bis zu 30 Metern auf, selten bis in Tiefen von 150 Metern; tagsüber schwimmen sie tiefer als in der Nacht. Sie wachsen besser bei Wassertemperaturen um 25 °C, Temperaturen unter 11 °C oder über 30 °C bekommen ihnen nicht. Im Sommerhalbjahr wandern sie zu Buchten und in Meeresarme. Wenn dort gegen Winter die Temperaturen fallen, ziehen sie aufs offene Meer, wo sie geboren waren. Von diesem jahreszeitlichen Wechsel abgesehen leben Goldbrassen relativ standortgetreu; ihr täglicher Radius scheint weniger als 1 Kilometer zu messen.

Goldbrassen sind eher tagaktiv und schwimmen im Schwarm, während sie nachts wenig schwimmen und sich zur Ruhe eventuell sogar in Sand eingraben. Grosse Individuen aber verhalten sich genau umgekehrt, sie sind nachts am aktivsten, vermutlich, weil sie alleine unterwegs sind. Normalerweise sind Goldbrassen mit einer Geschwindigkeit von einer halben Körperlänge pro Sekunde unterwegs; auf der Flucht können sie aber bis siebenmal so schnell schwimmen.

Am liebsten scheinen Goldbrassen Böden mit Seegras zu mögen; sie sind aber auch auf sandigem, kiesigem oder felsigem Grund anzutreffen oder in Flussarmen mit Salzwiesen oder schlammigem Grund. Sie ernähren sich vorwiegend karnivor (fleischfressend) von Krebschen und Würmern und gelegentlich Fischbrut, seltener von Algen und andern Pflanzen. Sie fressen winters in der Abenddämmerung und im Sommer morgens oder gegen Abend. Dabei holen sie sich ihre Beute, indem sie sich mit ihrem Kopf ein Stück weit in den Grund graben.

Goldbrassen reagieren auf Licht; eine Manipulation des Tag/Nacht-Rhythmus bekommt ihnen schlecht. Sie kommunizieren über schlag- und stossartige Geräusche, die sie durch Zusammenziehen von Muskeln um ihre Schwimmblase produzieren. Sie leben entweder in kleinen Gruppen mit linearer Hierarchie oder in anonymen Schwärmen, grosse Individuen auch als Einzeltiere. Dominante Tiere besetzen den Raum, in welchem Futter vorhanden ist, und zeigen mehr Aktivität und Aggressivität als die Untergeordneten, die entweder nach oben ausweichen oder sich kaum mehr bewegen und sich fern vom Futter aufhalten.

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Goldbrasse an der Nordküste von Sardinien.
(Vhorvat, Wikimedia Common)

 

Die Entwicklung der Zucht von Goldbrassen

Erste extensive Zuchten von Goldbrassen gab es in Italien vielleicht schon in vorrömischer Zeit; Belege für solche Anlagen gibt es seit etwa tausend Jahren. 1425 wurde erstmals in einem behördlichen Akt der Republik Venedig die noch heute existierende Form der Zucht in «valli» erwähnt. Dabei handelt es sich um teichartige Abteile, die seit Jahrhunderten in den Lagunen entlang der Küsten unterhalten werden, zunächst in der nördlichen Adria, dann auch in ähnlichen Landschaften Frankreichs, Spaniens, Portugals oder Ägyptens.

Die extensive Zucht macht sich die saisonale Wanderung der Goldbrassen zunutze: Die Tiere gehen im Frühling in die Teichanlagen wie in eine Falle, in der sie bis zur Schlachtreife festgehalten werden.

Erst in den 1980er Jahren gelang es, Jungtiere im industriellen Massstab künstlich zu erbrüten. Damit wurde die Zucht unabhängig von natürlichen Schwankungen. Und da sich die Goldbrassen scheinbar problemlos anpassen liessen an die intensive Haltung in Netzkäfigen vor den Küsten, nahm die Produktion des beliebten Speisefisches rasch zu.

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Typische «Valli» für die Fischzucht bei Grado, Italien.
(Billo Heinzpeter Studer)

 

Hauptprobleme der heutigen Zucht

Heute ist die Goldbrasse eine der am häufigsten gefarmten Fischarten im Mittelmeer. Das ist erstaunlich, denn die intensive Zucht krankt an mindestens drei Problemen.  Auf virale und infektiöse Krankheiten (Befall durch Bakterien, Pilze oder Parasiten) sowie Ernährungsmängel möchten wir hier nicht näher eingehen, denn sie liegen ausserhalb des Aufgabenbereichs der FishEthoBase. Von Interesse ist hier hingegen die «Winterkrankheit».

Goldbrassen reagieren sehr empfindlich auf Temperaturen unter 11 °C. Sie ziehen sich im Winter daher aufs offene Meer zurück, um den tieferen Temperaturen an Küstennähe auszuweichen. In der Zucht jedoch sind sie gezwungen, in Teichen oder Netzkäfigen im kühler werdenden Küstenwasser zu bleiben. Die tiefen Temperaturen sind eine der Ursachen für die «Winterkrankheit», welche Goldbrassen vor allem im nördlichen Mittelmeer befällt, und zwar bis zu 60 Prozent der Tiere im ersten Lebensjahr. Sie werden lethargisch, schwimmen abnormal, hungern, ihre Immunkräfte schwinden; schliesslich sterben sie. 
Eine artgerechte Massnahme gegen die «Winterkrankheit» bestünde darin, durch geschickte Wahl des Standorts tiefen Temperaturen und dem Bakterium Pseudomonas anguilispetica auszuweichen. In Indoor-Kreislaufanlagen (RAS) liessen sich diese beiden Krankheitsfaktoren ausschliessen (was unseres Wissens noch nicht untersucht worden ist).

Das zweite Problem beginnt schon in den ersten Lebenstagen der künstlich erbrüteten Goldbrassen. 8 bis 100 Prozent der Larven entwickeln Sekelettdeformationen oder morphologische Missbildungen. Weil die betroffenen Larven nicht das Gewicht der normalen erreichen, stellen sie einen «wirtschaftlichen Verlust» dar und werden gleich bei ihrer Entdeckung eliminiert. Das heisst, die intensive Zucht von Goldbrassen beruht auf einer Brutindustrie, die mit einem hohen Abfall von Tieren kalkuliert. Das ist ethisch fragwürdig.

Widerspruch:
Die Korreferentin Ana Roque erachtet diese Praxis nicht als ethisch fragwürdig, sondern als ein Thema im Rahmen des Businessplans. Sie ist der Ansicht, dass in Wildbeständen wahrscheinlich ähnlich hohe Anteile deformierter Larven aufträten; sie möchte daher den Brutanstalten daher keinen Vorwurf machen, solange kein gültiges Protokoll für eine andere Massnahmen etabaliert ist.
Der Autor wie auch die Korreferentin Jenny Volstorf halten an der Feststellung der ezhischen Fragwürdigkeit fest. Sie erinnern daran, dass Fischzüchter gerne hervorzuheben pflegen, ihnen gelinge es ganz im Gegensatz zur Natur, die überwiegende Mehrheit bis zu Fischen heranwachsne zu lassen.

Eine Alternative ist bisher nicht in Sicht. Ein Besatz der Zuchtanlagen mit Jungtieren aus der Wildnis kommt aus Artenschutzgründen nicht in Frage. Was bei der extensiven Zucht einst noch angehen mochte, wäre bei den heutigen Produktionsmengen schlicht unverantwortlich. 

Eine ähnliche Überlegung drängt sich auf in Bezug auf die Fütterung der Goldbrassen, die von ihrer Natur her vor allem Krill fressen. Die Fischzüchter müssen sich überlegen, ob sie eine karnivore Art züchten sollen, die mit Fisch aus Wildfang gefüttert wird. Da das damit verbundene Überfischungsproblem immer mehr Konsument/innen bewusst wird, könnte die Zucht von allesfressenden oder pflanzenfressenden Fischarten sich schon morgen als die bessere Wahl erweisen.  

Widerspruch:
Die Korreferentin Ana Roque stimmt dieser Aussage nicht zu, da sie ihrer Meimnung nach mit der Überfischung und mit Ethik zu tun hat, nicht aber mit dem Fischwohl.

Der Autor wie auch die Korreferentin Jenny Volstorf halten an der Aussage fest mit der Begründung, dass die Überfischung die marine Nahrungskette und folglich das Wohl der Meerestiere beeinträchtige, ganz zu schweigen vom Wohl der rund 450-1000 Milliarden Fische, die jährlich für Futterzwecke gefangen werden.

Aufgrund der bisherigen Forschungen bleiben weitere Fragen ungeklärt. Jungtiere, die in Besatzdichten von 22 kg oder pro Kubikmeter gehalten wurden, zeigten mehr Stress als Jungtiere in Kontrollgruppen mit Dichten von 10  kg oder weniger pro Kubikmeter. Die Schwelle, bei der Stress auftritt, könnte also deutlich unter 22 kg pro Kubikmeter liegen.​ Klar ist ferner, dass Goldbrassen nicht in Gruppen von weniger als 75 Tieren gehalten werden sollten; wie ihre künstliche Umgebung artgerecht gestaltet werden soll, lässt sich aber aus den bis jetzt verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse noch nicht befriedigend beschreiben. 

Labels sind keine Hilfe beim Einkauf, wenn es um das Wohl der Zuchtfische geht. Die Richtlinien der Bio-Labels sind noch am ehesten auf die Gewährung des Fischwohls orientiert; im Konkreten aber fehlen Bestimmungen. Alle andern Labels kümmern sich bestenfalls um die Gesundheit der Fische, nicht aber um deren Wohlsein in einem umfassenden Sinn. Das heisst, dass auch Fische unter Labels wie Bio, ASC, Friend of the Sea eher unter Bedingungen der Massentierhaltung gelebt haben. 

Damit sich das ändert, braucht es mehr ethologische Forschung – und kritisches Nachfragen von jenen, die respektvoll gezüchtete Fische essen wollen.

 
Billo Heinzpeter Studer, 05.06.2015
 © fair-fish international 
Quellen: FishEthoBase, Findings und Empfehlungen, und FishBase.org
Gegengelesen von Ana Roque und Jenny Volstorf.
Es gilt die englische Fassung.
Zitieren als: «Studer, Billo Heinzpeter, 2015. Goldbrasse (Übersicht). In: FishEthoBase Research Group (editor), FishEthoBase. World Wide Web electronic publication. www.fishethobase.fair-fish.ch»