shrimp-1-k.jpg
Illustrationen: Kasia Jackowska

 

Lebensraum und Lebenslauf                  

Die Pazifische Weissbein-Garnele (Shrimp, Crevette) gehört wie weitere in der Zucht verwendete Garnelenarten zur Familie der Penaeiden innerhalb der Ordnung der Zehnfusskrebse. Ihr Ursprung liegt im Ostpazifik, zwischen Mexiko und dem Norden von Peru, aber vor allem entlang Zentralamerika. Als tropische Art liebt sie ganzjährige Wassertemperaturen um 25 °C; weniger als 12 und mehr 34 °C erträgt sie nicht. Sie lebt im Salzwasser, passt sich aber an Brackwasser an.

Erwachsene Tiere leben und vermehren sich auf offener See. Die Post-Larven wandern an die Küste, wo sie in Lagunen, Flussmündungen und Mangrovengürteln aufwachsen. 

Die erwachsene Weissbein-Garnele ist das Ergebnis einer komplexen Entwicklung in drei Larvenstadien mit zahlreichen Stufen und Häutungen. Aus dem Ei schlüpft zunächst ein Nauplius (Eilarve), der sich ausschliesslich aus dem Dottersack ernährt. Nach anderhalb Tagen und bei einer Länge von knapp einem halben Millimeter wird er zur Protozoea und beginnt nach Futter zu suchen. Bei einer Länge von 2 mm beginnt das Mysis-Stadium, die späte Larvenphase bei Penaeiden, in der sie dem erwachsenen Tier ähnlich zu sehen beginnen. 

Im Alter von etwa 2 Wochen (ca 0.1 g und ca 16 mm) schliesslich wächst das Tier zur Post-Larve, beginnt die Geschlechtsorgane auszubilden, und mit 9-10 Wochen (ca 2 g und ca 72 mm) differenziert es seine Keimdrüsen nach Geschlecht. 

shrimp-8-k.jpg

Fortpflanzung und Lebensweise 

Männchen werden ab einem Gewicht von 20 g geschlechtsreif, die in der Regel rascher und grösser wachsenden Weibchen ab 28 g und ab einem Alter von 6-7 Monaten. Das Männchen verfolgt das paarungsbereite Weibchen, befühlt mit seinen Antennen von hinten das weibliche Geschlecht, auf das es dann seine Spermien überträgt. Etwa 12 Stunden später werden die befruchteten Eier in die Wassersäule abgegeben. 

Weissbein-Garnelen sind Allesfresser. Im Magen von Jungtieren finden sich erhebliche Mengen an Schlamm und Ablagerungen, was auf ihr Weiden am Meeresboden schliessen lässt. Mit wachsender Körpergrösse nimmt der Anteil an kleinen Wassertieren in ihrer Ernährung zu. Am Anfang und am Ende einer Häutung stellen sie die Nahrungsaufnahme teilweise oder ganz ein. 

Garnelen putzen sich ausgiebig, um Ablagerungen von ihrem Körper zu entfernen.

Die Antennen sind für Garnelen vermutlich das wichtigste Sinnesorgan, mit dem sie ihre Umwelt, Ihresgleichen und das andere Geschlecht erkennen und mit dem sie offenbar auch kommunizieren. Inwieweit diese Bedeutung der Antennen auch für L. vannamei zutrifft, bleibt zu erforschen.

Das zweitwichtigste Sinnesorgan sind wohl die beiden auf Stielen sitzenden Augen, deren Struktur schon bei der Larve (ab ca 10 mm Körperlänge) voll ausgebildet ist. Licht ist wichtig für die Entwicklung der Jungtiere, wichtiger als Dunkelheit. Es gibt aber Hinweise auf Nachtaktivität bei Weissbein-Garnelen, die tagsüber eine Ruhepause im Dunkeln suchen.

Weissbein-Garnelen tauchen bis zu 20 m tief, und Jungtiere können fast ihre fünffache Körperlänge in einer Sekunde zurücklegen. In der Natur leben die Tiere in grossem Abstand voneinander; jedes Jungtier beansprucht mindestens 3 Quadratmeter für sich, ausgenommen im Frühjahr, wo in Lagunen auch bis zu 5 Jungtiere pro Quadratmeter anzutreffen sind.

Einige Garnelenarten bilden Gruppen oder leben paarweise. Inwieweit dies für L. vannamei zutrifft, bleibt zu erforschen.

 

vannamei-graph_DE.jpg

          Grafik: Studer/fair-fish.net

 

Entwicklung der Zucht                          

Die erste Vermehrung von L. vannamei in Zucht gelang 1973 in Florida mit Nauplien, die von einem in Panama wild gefangenen Weibchen gewonnen worden waren. 1976 wurde in Panama die Entfernung des Augenstiels als Methode zur Förderung der Eireifung entdeckt. So begann die Entwicklung der intensiven Zucht dieser Art; sie verbreitete sich in den frühen 1980er Jahren nach Hawaii, in die USA sowie in grosse Teile Mittel- und Südamerikas, wo sie rasch zunahm, allerdings unterbrochen von Erkrankungsschüben ganzer Bestände. 2004 produzierte Lateinamerika bereits 270000 Tonnen. 

Noch rascher wuchs die Weissbein-Garnelenzucht in Asien, wo sie 2004 plötzlich mehr als eine Million Tonnen erreichte. Produziert wird in Asien vorwiegend in China, Taiwan und Thailand, während andere Länder die Zucht von L. vannamei aus Angst vor eingeschleppten Krankheiten einschränken. In Thailand und Indonesien ist die Zucht zwar frei; Brut darf aber nur von bestimmten Brütereien importiert werden. Auch in Lateinamerika kontrollieren die meisten Länder den Import von Brut. 

Die Garnelenzucht ist sehr arbeitsteilig organisiert. Brütereien (z. B. in Florida, Hawaii, Singapur) liefern die Eier an Nauplien-Züchter, diese liefern sie weiter an Betriebe, die sie zu Post-Larven aufziehen, von wo sie schliesslich in Mastbetriebe gelangen.

 

Hauptprobleme der Zucht 

L. vannamei ist die weltweit häufigst gezüchtete Garnelenart. Umso mehr erstaunt es, dass ihre Ethologie (Verhaltensbiologie) noch kaum erforscht ist. Wie kann eine Zucht artgerecht gestaltet werden, wenn man so wenig über diese Art weiss? Ist da nicht Zurückhaltung angesagt?

Schmerz und Tierwohl: Bei grossen Krebsen innerhalb der Ordnung der Zehnfusskrebse (Decapoda), also bei Hummern, Langusten und andern grossen Krebsen ist Schmerzempfinden nachgewiesen. Ein von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beauftragtes Wissenschaftergremium stellte bereits 2005 Anzeichen dafür fest, dass Zehnfusskrebse (ohne Ausschluss von Garnelen) Schmerz empfinden.

Die FishEthoBase geht von einem Verständnis des Tierwohls aus, das nicht nur Schmerz vermeiden will, sondern das die Integrität und die Würde des Tiers respektiert. Selbst wenn sich erweisen sollte, dass Weissbein-Garnelen keinen Schmerz empfinden, ist ihr Wohl zu gewährleisten – und nicht nur das körperliche, das des Wachstums wegen interessiert.

Künstlicher Lebensraum: In extensiven Zuchten werden pro Quadratmeter bis zu 10 Jungtiere gehalten, in halbintensiven Zuchten bis 30, in intensiven bis 300 und in superintensiven bis 450. In der Zucht müssen Weissbein-Garnelen also bis zu 1350-mal enger leben als in der Natur und haben in der Regel nur etwa 1.5 m Tiefe zur Verfügung. Mit zunehmender Dichte steigt das Risiko für Krankheitsausbrüche sowie für Verletzungen, z. B. der Antennen.

Künstliche Vermehrung: Muttertieren entfernt man routinemässig einen oder beide Augenstiele, um die Fruchtbarkeit zu steigern. Auch bei Männchen führt diese Prozedur zu erhöhter Fruchtbarkeit. Es handelt sich um einen massiven Eingriff in die Integrität und Würde der Tiere, der das Sehen behindert oder gar verunmöglicht. Ein etwas weniger direkter Eingriff ins Leben der Elterntiere zur Stimulierung ihrer Fruchtbarkeit bestünde in der Manipulation von Licht und Dunkelheit; bisher gibt es hierfür jedoch kein gesichertes Protokoll. Zu erforschen wären Zuchtbedingungen und Geschäftsmodelle, in welchen  weder die Tiere noch die Tageslichtlänge verändert werden müssen. 

Schlachten ohne Betäuben? Garnelen werden üblicherweise mit Netzen aus den Becken abgefischt und in Eiswasser oder Eis geschüttet. Die bequeme Annahme, dass rasches Herunterkühlen die Krebstiere ohne Leiden bewusstlos mache, muss für jede Art überprüft werden. Sollte es sich bei L. vannamei als wirksam erweisen, müsste dem eine rasche und zuverlässige Tötung folgen. 

Bei grossen Dekapoden schon erprobt ist das Betäuben und unmittelbar anschliessende Töten mit elektrischem Strom. Es bleibt zu erforschen, wie diese Methode auch für Garnelen anwendbar gemacht werden kann.

Fütterung aus Wildfang: Weissbein-Garnelen fressen von ihrer Natur her mit zunehmendem Alter andere kleine Wassertiere. Die Fischzüchter müssen sich überlegen, ob sie eine karnivore Art züchten sollen, die in der Zucht mit Fisch aus Wildfang gefüttert wird. Da das damit verbundene Überfischungsproblem immer mehr Konsument/innen bewusst wird, könnte die Zucht von allesfressenden oder pflanzenfressenden Fischarten sich schon morgen als die bessere Wahl erweisen. Dies umso mehr, als die Verfütterung von Wildfang das Wohl von Milliarden hierfür industriell gefangener und verarbeiteter Fische beeinträchtigt.

Labels sind keine Hilfe beim Einkauf, wenn es um das Wohl der Zuchtgarnelen geht. Die Richtlinien der Bio-Labels sind noch am ehesten auf die Gewährung des Tierwohls orientiert; im Konkreten aber fehlen Bestimmungen. Alle andern Labels kümmern sich bestenfalls um die Gesundheit der Garnelen, nicht aber um deren Wohlsein in einem umfassenden Sinn. Das heisst, dass auch Garnelen unter Labels wie Bio, ASC, Friend of the Sea eher unter Bedingungen der Massentierhaltung gelebt haben. 

Damit sich das ändert, braucht es mehr ethologische Forschung – und kritisches Nachfragen von jenen, die respektvoll gezüchtete Garnelen essen wollen.

 
Billo Heinzpeter Studer, 22.10.2015
 © fair-fish international 
Quellen: FishEthoBase, Findings und Empfehlungen, und FishBase.org
Gegengelesen von Jenny Volstorf.
Es gilt die englische Fassung.
Zitieren als: «Studer, Billo Heinzpeter, 2015. Pazifische Weissbein-Garnelen (Übersicht). In: FishEthoBase Research Group (editor), FishEthoBase. World Wide Web electronic publication. www.fishethobase.fair-fish.ch»

 

shrimps-dichtestress-1.jpg